roter strich

Der zweite Kommentar Böhmes zur Gruppe um Esaia Stiefel wurde im April 1622 abgeschlossen, knapp ein Jahr nach dem ersten. Dessen biografische Hintergründe gelten auch für diesen zweiten Text Böhmes über die Gruppe um Esaia Stiefel und Ezechiel Meth. Trug der erste Text noch die Bezeichnung „Bedencken“ über Stiefels Büchlein, so heißt der zweite bereits schärfer „Vom Irrthum der Secten Esaiae Stiefels und Ezechiel Meths“. Als Verfasser nahm Böhme wiederum Stiefel an, da sein Exemplar der von ihm kommentierten Schrift die Abkürzung „E.S.T.“ trägt. Doch als Verfasser vermuten die Herausgeber der Schriften von 1730 den Neffen und gleichzeitigen Schwager Stiefels, Ezechiel Meth. Da diese Schriften Stiefels und Meths offensichlich nicht überliefert sind, kann der Ausgangstext für Böhmes Antworten nur indirekt erschlossen werden. Während Böhme im ersten Text nicht zitiert, finden sich im zweiten Text zahlreiche, mindestens zwölf erkennbare, teilweise sehr umfangreiche Zitate.[i] Einige dieser Passagen, besonders der unter Absatz 1, enthalten direkte Anreden, von denen nicht ganz klar scheint, an wen sie sich richten: „Auf eure jüngste und unlängst überschickte Fragen, wie sie nach einander schriftlich erzehlet, soll und habe ich dem Begehren nach, […] dieses Nachfolgende, zu euerer […] Seligkeit ans Tageslicht geben sollen und wollen […].“ (1) Ist die Anrede an Böhme selbst gerichtet, verstehen sich die Schriften wie ein Dialog, in dem beide Seiten zu Wort kommen. Ist die Anrede eine von Böhme an seine Görlitzer Freunde, so wäre es als markiertes Zitat falsch wiedergegeben, und das würde einen Schatten auf die Authentizität der abgedruckten Passagen aus dem Werk Meths werfen.

Inhaltlich zumindest scheinen die Texte Stiefels und Meths sehr ähnlich gewesen zu sein. Böhmes zweite Schrift zum Kreis um Esaia Stiefel ist wesentlich länger als die erste, zitiert ausführlich und fällt im Ton wesentlich schärfer aus. Die grundlegenden Thesen der „Sekte“ über die Stellung Jesu Christi im „Erleuchteten“, die daraus folgende Frage der „Sündlosigkeit“ scheinen die gleichen wie im ersten Text zu sein. In Nuancen scheint der zweite Text den ersten an Hybris zu übertreffen, und Böhme reagiert postwendend pikiert. Mit einem Witz, den man selten bei ihm antrifft, webt er Zitate in seinen eigenen Text hinein, so etwa wenn Meth den erleuchteten Menschen offenbar „allwissend“ nennt:

Böhme referiert Meth, „[…] ‚er wolle es durch und aus der Allwissenheit reden und thun’; das verstünde ein Kind ja wol, was er damit meinet, und daß er nicht Allwissend ist, sonst hätte er auch gewust, daß ich es besser erklären würde.“ (105)

Böhme überführt die Stiefel/Meth’schen Schriften eines trivialen Optimismus, der falschen Versprechungen und Glücksverheißungen, wie sie heute – um diesen Vergleich zu ziehen – noch die Regale unserer Buchhandlungen mit lukrativer Ratgeberliteratur und Wohlfühl-Anleitungen füllt. In der Tat, wenn Böhme Meth richtig zitiert, verspricht dieser so allerhand:

Meth „saget auch: ‚GOtt habe uns in Christo gantz, auch alhie auf Erden, von aller Sünde und Fleisches-Lust, so wir nur glauben, ja vom Teufel, Tod und aller Ungerechtigkeit, erlöset’ […]“ (266)

„Daß er [Meth] aber saget: ‚Christus sey in den Gläubigen alles, das Wollen, Vollbringen, Sinnen, Gedencken, Wircken, Leben, Reden, und alles in allem wesentlich, sichtbarlich, greiflich, innerlich uind äusserlich’: Solches ist keiner Wahrheit ähnlich; Thut der Mensch was Gutes, aus innerlichem Trieb, das ist wol aus GOtt; er thut aber auch viel Böses aus des Fleisches-Lust, und des Teufels Anrägen: das thut nicht Christus, sondern der äussere sündige Mensch, es sey mit Worten, That oder Gedancken.“ (270)

Der zweite Bibelspruch, der zwischen Meth und Böhme diskutiert wird, lautet: „Wie das Weib von dem Manne, also kommt auch der Mann durchs Weib, aber alles von GOtt.“ (1 Korinther 11;12) Hinsichtlich der in diese Bibelstellen hineininterpretierten Vergöttlichung der Subjekte handelt es sich immer um die gleiche Bemühung der „Sekte“, die Menschen nicht so sehr – wie Böhmes Absicht es ist – im Zustand adamitischer Verfallenheit zu verstehen, sondern als mögliche und buchstäbliche Verkörperung Gottes bzw. Christi. Die Trefflichkeit der Bibelinterpretation bleibt wohl eher sekundär, während die Linie des Gedankens von der Heiligung auch des „äusseren“ Menschen, jenes aus Fleisch und Blut, der irdische Leib, das alternde, der Zeitlichkeit preisgegebene Individuum, Hauptanliegen von Meths Text bleibt. Hier spitzt Böhme zu:

„Wie dieser Autor saget: ‚Wir sollen uns nur heilig nennen, und den irdischen Namen verleugnen, und fest gläuben, wir sind keine Sünder, sondern GOtt in Christo selbst, gantz heilig geboren’.“ (284) „Wenn nun ein Weib vom Manne schwanger wird, und ein Kind gebiere, dasselbe, obs gleich von heiligen Eltern kommt, ist nicht gantz von innen und aussen Christus, wie dieser Autor tichtet, ohne Grund und Wahrheit aus seinem Dünckel.“ (317)

Ekel und Sexualität

Das Papier, auf dem dieser Diskurs über Sexualität notiert wird, berührt Böhme nur mit spitzen Fingern. Vor der Fassade biblischer Bezüge und in zeitüblicher Verpönung von körperlicher Lust werden zwei Modelle von Sexualität diskutiert. Die Rechtfertigung von Sexualität, nämlich Kinder zu zeugen, stellt kaum ein Thema zwischen Böhme und Meth dar. Außerhalb dieser Funktion ehelichen Geschlechtsverkehrs geht es ihnen offenbar grundsätzlicher um das Verhältnis vom Phänomen Sexualität zu ihrer religiösen Rechtfertigung.

„Denn das heilige Werck wird mit einem viehischen Werck vollbracht; und solches urständet wegen des Falls Adams und Evae. Darum sollen Eheleute lernen das Heilige in der Liebe vom viehischen unterscheiden; sich in solchem Wercke vor GOtt und heiligen Menschen züchtig und mäßig halten, nicht als ein brünstiger Stier.“ (335)

Eheleute werden gewarnt, „daß sie im Eckel vor GOtt möchten leben“, (337) wenn sie sich zu sehr körperlicher Lust hingeben. „Das ist eben der Eckel vor GOtt,“ so Böhme, „daß die Lebens-Gestälte sind aus solcher Concordantz [hier: Überreinstimmung], iede in ihr selbst-Offenbarung, eingegangen: davon im Leben Streit, als Aufsteigen der Hoffart, Geitz, Neid, Zorn und falsche List entstehet; daß sich iede Gestalt in der Selbheit kennet, und ihr selber offenbar ist; davon der Mensch, als das Fleisch, in diesem wiederwertigen Streit, in Kranckheit, Wehethun und Zerbrechen eingeführet wird.“ (376)

Ob allein Sinnenfeindlichkeit aus dieser Abwehrhaltung Böhmes spricht, scheint mir die Frage. Es ist aus den Antwort-Schriften an Stiefel und Meth auch nicht allein zu beantworten. Mit der Werkphase um 1619, der zweiten großen Schreib-Welle Böhmes, beginnt auch der nahezu aggessive Widerwille gegen Körperlichkeit und Sexualität, besonders auch im Werk von den „Drei Prinzipien göttlichen Wesens“. Warum dies so ist und ob seine eigene biographische Situation hierbei eine Rolle gespielt hat, ist wohl nicht mehr sicher zu beantworten.

Zumindest so viel scheint klar, dass Jacob Böhmes Blick auf die Negativität in der Welt ein pessimistischer Zug zugrunde liegt, zu dem sich auch die Auffassung von Sexualität gesellt. „Erlösung“, wie auch immmer das Wort in unseren Ohren klingen mag, ist auf der Erde, in der Welt, im „dritten Prinzip“, nicht möglich. Dies ist das klarste Signal gegen Stiefel und Meth. In dieser Hinsicht erscheint die Abwehrhaltung gegenüber der Sekte um Esaia Stiefel realistisch und nüchtern. Böhme erkennt das verführerische Potential in den Thesen des Ezechiel Meth, wenn er warnt:

„Es ist ein leeres Geschwätz, dadurch junge Leute, welche in der Venus-Begierde fast heftig und feurisch sind, gar leichtfertig gemacht werden, wenn ihnen so fein vorgemahlet wird: ‚Ihre Begierde und Lust sey Christi Trieb, es sey der Geist Christi, der wolle sich vermischen und Kinder zeugen.’“ (407)

Welches Modell erotischer Aufgehobenheit verfolgt Böhme nun selber, was hält er solchen Positionen Stiefels und Meths entgegen? So weit dies zu anderen Werken Böhmes nicht bereits ausgeführt wurde, gibt es knappe Hinweise auch in der Entgegnung an Meth:

„Nicht daß dieser holdselige, süsse, liebe Christus der Mann sey, sondern der H. Sonnenschein in der grossen Liebe-Flamme, in dem Manne: Denn so ich einen heiligen Christen-Menschen sehe gehen oder stehen, so sag ich nicht: Hie stehet oder gehet Christus, das thut alles Christus; sondern ich sage: Da stehet und gehet ein Christen-Mensch, in deme die Sonne Christus scheint. Die Person von Adam ist nicht der Christus, aber die Person von der Kraft GOttes, die in dem Manne Adam wohnt, nach dem himmlischen Theil, die ist Christus.“ (421) „Christus hat sein heiliges Leben in der süssen Liebe einmal seinem Vater in seinen Zorn, welcher in Menschlicher Eigenschaft offenbar ward, einergeben, aufgeopfert, und mit der Liebe den Zorn zerbrochen: Er ist nicht in allen Heiligen von Adam her gestorben, und hat sich lassen morden und töten.“ (429) „Denn der Jesus ist die Salbung, als die tiefste Liebe in der Gottheit.“ (439)

Eine vollständige Identifikation mit Jesus Christus würde in der Selbstkreuzigung enden, folgte man dem äusseren Leben Jesu buchstäblich. Die geistige „süsse Liebe“ zu Jesus Christus, unter dessen Sigel des Vertrauens die Freunde um Jacob Böhme sich ansprechen und austauschen, am besten noch nachzuvollziehen in seinen Briefen an sie, scheint – gegenüber der trivialen Variante bei Stiefel – die Erotik in sublimierter Form von ihrer Körperlichkeit zu lösen. Im Kreis gleichgesinnter Männer erhält sie platonischen Ausdruck.

 

 

[i] Diese befinden sich bei: Meth; 1, 102, 141f., 176, 223, 271, 329, 407, 415, 426, 443, 469. Absatz 447 markiert nur Anfang und Ende einer nicht weiter zitierten Passage. Gesamtlänge der Zitate ca. 23 Seiten in der Ausgabe der Schriften 1730