Neu: Bildnisse Jacob Böhmes. Ein Lichtbildvortrag  
 

 Von dem Görlitzer Mystiker Jacob Böhme wurde kein authentisches Bildnis überliefert. Gemälde oder Kupferstiche zu seiner Person sind erst nach seinen Lebzeiten entstanden. Frühe bildliche Darstellungen beruhen zumeist auf einer Beschreibung seines Schülers Abraham von Franckenberg. Sie lautet:

 „Seine J.B. äusserliche Leibes-Gestalt war verfallen, und von schlechtem [schlichtem] Aussehen, kleiner Statur, niedriger Stirne, erhobener Schläffe, etwas gekrümmter Nase, grau und fast Himmel - blaulich glitzender Augen, sonsten wie die Fenster am Tempel Salomonis, kurtz-dünnen Bartes, kleinlauter Stimme, doch holdseliger Rede, züchtig in Gebärden, bescheidentlich in Worten, demüthig im Wandel, geduldig im Leiden, sanftmüthig von Herzen.“

Franckenberg ist nicht irgendjemandem begegnet. Er hat 1623 einen Menschen kennen gelernt, der als erleuchtet galt. Dem Gott nahestand. Der von sich behauptet hat, seine Melancholie überwunden zu haben, und in der Gelassenheit zu leben, die Wiedergeburt erlebt zu haben: und dann solch eine Beschreibung?

Es ist vielleicht eine realistische Beschreibung Franckenbergs, der sich zunächst mag erschrocken haben, als er Böhme das erste Mal sah. Franckenberg lernte Böhme erst Anfang 1623 kennen, gut ein Jahr vor dessen Tod. Die ständigen Verfolgungen durch Görlitzer Kirchenvertreter werden ihre Spuren in der Physiognomie hinterlassen haben, so dass Franckenberg indirekt auch davon spricht, dass die Anfeindungen, die zum Ende von Böhmes Leben zunahmen, ihm zusetzten und ins Gesicht geschrieben standen.

Dieser Beschreibung entsprechen längst nicht alle Bildnisse, selbst unsere wenigen, deren Sammlung freilich unvollständig ist, zeigen in Jacob Böhme, so scheint’s, sehr verschiedene Personen. Von der Physiognomie, die ihn in einer abgehärmten, traurigen Melancholie verblieben zeigt, bis zum wohlgenährten bürgerlichen Lebemann reicht das Spektrum der Darstellungen. Bildnisse, gleich ob als Foto oder als abstrakte Federzeichnung, zeigen uns mehr und zugleich weniger von einer Person: mehr als das Äußere, weniger als die Seele.

 

Bildnis 1
Das Gemälde, Öl auf Holz, 39 x 36 cm, Bildnis 1, kommt in seiner schütteren Gestalt der Beschreibung Franckenbergs vielleicht am nächsten, obwohl es erst rund einhundert Jahre nach Böhmes Tod entstand. Es ist daher zurecht das am meisten bekannte Portrait Böhmes. Der Maler ist unbekannt, man vermutet Christian Gottlob Glymann (1684-1730)
Bildnis 2
Die Farbzeichnung aus der Zeit um 1720 stammt aus einer Handschriftensammlung, die im Original in der Bibliothek der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften liegt.. Der Maler heißt Christian Gabriel Funcke (1658 – 1740), ein Gymnasiallehrer in Görlitz, lässt von den Verfolgungen und Nöten Böhmes wenig erkennen. Das Bild zeigt uns Böhme in einer zugleich demütigen und gelassenen, souveränen Haltung, eingerahmt in einen Ehrenkranz, und die wie eingezogene Flügel anmutenden Hände hält er an der Brust, eingezogen wie eine stille Seele, wie ein demütiger Stoiker, dessen milden Blick er freilich skeptisch auf den Betrachter gerichtet hält.
Bildnis 3
Die Sanduhr, Symbol verrinnender Zeit, scheint den Schreiber zur Eile anzutreiben, während die Lederfetzen unfertiger Schuhe und das Werkzeug unordentlich in der Schusterwerkstatt herumliegen. Die Füße stehen eng nebeneinander, die Körperhaltung wirkt angestrengt, und der Blick ist ernst. Der Szene fehlt jede Verklärung, der Blick ist nicht in den Himmel gerichtet. Fenster und Tür sind verschlossen. Diese Gestalt des Schreibenden unterscheidet sich von allen anderen Bildnissen Böhmes durch eine volle­re Haarpracht und einen energischen Blick. Der Grafiker, Joseph Mulder, hat 1686 in einer niederländischen Ausgabe ein sehr abweichendes Bild gezeichnet: realistisch, sehr lebensnah.
Bildnis 4
Es ziert die Titelei der Ausgabe des „Mysterium Magnum“ von Heinrich Betkius 1677. Sehr stark sind die Wangenfalten betont, das Gesicht wirkt wie ein auf dem Kopf stehendes Dreieck, vielleicht eine Anspielung auf die Kabbalistik, die das Werk auf eigenwillige Weise enthält. Der Spruch stammt von Angelus Silesius (Johannes Scheffler) und lautet: „Im Wasser lebt der Fisch, die Pflanzen in der Erde; Der Vogel in der Luft, die Sonn‘ am Firmament; Der Salamander muss im Feu’r erhalten werden, Und Gottes Herz ist Jacob Böhmens Element.“
Bildnis 5
Ebenfalls von Emblemsprüchen untermauert sind die nächsten beiden Titelkupfer. Bildnis 5 zeigt einen Jacob Böhme, der etwas wohlbeleibt uns anschaut, nicht streng, etwas fremdelnd, aber gesund, selbstbewusst und auf uns leicht herabsehend. Das Bildnis ist der zweibändigen Ausgabe Hamburg 1715 entnommen, hg. von Glüsing, der Spruch lautet: „Hört, was der Engel schallt, den Jesus aus-erkoren, Wie seiner Weisheit Licht, im lieben Demuts-Thron, Zum rechten Hochzeitskleid und Geistes Sieges-Kron‘, Uns mit der Leinen der Keuschheit sey geboren.“ Der Bezug dieses rätselhaften Spruchs wird benannt: Apokalypse Kapitel 3; Verse 19 bis 21, sowie Kapitel 19; Verse 7 bis 9. Wenn ich in der letzten Zeile das vierte Wort mit „Leinen“ richtig entziffere, dann meint es das weiße Leinen in Apok. 19 Vers 8: „Das Leinen aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen.“ Sie nämlich werden am Hochzeitsmahl des Lammes geladen. Dass es diesen Gewinnern der Offenbarung gut gehen wird, das scheint sich in der saturierten Gestalt dieses Böhmes zu zeigen.
Blidnis 6
„Dies ist der Schatten nur von dem Gefäß der Ehren, Dem Gott vertrauet hat das Centrum der Natur. Wer mit ihm treffen will die rechte Lebens-Spur, Muß durch des Feuers Angst den Engel ausgebären.“ Dieser Spruch steht vielleicht von allen hier zitierten Emblemen am deutlichsten im Widerspruch zum Bildnis. Der Schreiber beendet seine Tätigkeit kurz, legt die Hände auf die Brust, als sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen, worüber er lächelnd zum Leser schaut. Auch er sitzt in seiner Schusterwerkstatt, ohne dem Handwerk nachzugehen. Die Grafik ist einer Böhme-Ausgabe von 1835 entnommen und stammt von Johann Heinrich Meili aus einer Auswahl-Edition Böhmischer Texte.
Bildnis 7
Das letzte Bild dieser kleinen Reihe, Bildnis 7, ist dem Film „Hommage à Jacob Böhme“ von 2015 entnommen, Böhme ist hier dargestellt von Klaus Weingarten. Ob Jacob Böhme wirklich auf Bäumen geschlafen hat, wissen wir nicht. Diese Phantasie markiert eine ähnliche Differenz zwischen Böhmes Biographie und dem, was die Zeichner und Maler sich in ihre Portraits hineingedacht haben. Der Film zumindest zeigt sehr schön, dass die Bilder, die uns Jacob Böhme zeigen, von uns selbst stammen, weil wir kein anderes haben.

 

 

 

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 Abbild-Quellen: Nr. 1-4:  OLB Görlitz, 5+6: Privatbesitz, 7: Klaus Weingarten

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