posthumes Böhme-Portrait um 1730

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Leben

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1575 Geburtsjahr gemäß eigenhändiger Eintragung „Morgenröte im Aufgang“ auf der Titelseite „1612 seines Alters 37 Jahr“. Jacob Böhme ist das vierte von fünf Kindern und der dritte von vier Söhnen des freien Bauern Jacob Böhme in Altseidenberg, der wie schon dessen Vater Ambrosius dort Gerichtsschöffe und außerdem Kirchenältester war.

1581 Beginn einer guten Schulbildung, vermutlich auf der Stadtschule von Seidenberg.

1589 Dort erfolgte wohl auch die Schuhmacherlehre auf drei Jahre.

1592 Zwei Wanderjahre in der Oberlausitz, in Niederschlesien und Böhmen. Dabei Bekanntschaft mit Caspar Schwenckfelds Reformationslehre, Bauernpredigern und Böhmischen Brüdern.

1594 Nach Zeugnis seiner Freunde, des Görlitzer Arztes Tobias Kober und seines ersten Biographen Abraham von Frankenberg, ist der junge Schuhmacher nach Görlitz zugezogen, jedoch noch nicht als „Meister und Bräutigam“, wie jene meinten.

1599 Jacob Böhme ist Meister und läßt sich am 24. April für vier Schock Groschen als Bürger von Görlitz eintragen. Bürgerrecht eines Ledigen setzt voraus, sich binnen eines Halbjahres zu verehelichen und Hausbesitz zu erlangen.

Am gleichen Tag erwirbt er eine der 44 Schuhbänke auf dem Untermarkt für 240 Görlitzer Mark vom Schwager seiner künftigen Schwiegermutter.

1599, 10. Mai: Hochzeit mit Katharina Kuntschmann, Tochter eines wohlhabenden Fleischermeisters.

1599, 19. August: Balthasar Walther, Arzt und Alchemist, ist zu Besuch beim gelehrten Görlitzer Bürgermeister Bartholomäus Scultetus. Böhme wird mit Walther bekannt.

1599, 21. August: Jacob Böhme kauft sein erstes Wohnhaus im „Neustädtel“ auf der Rabengasse für 300 Mark, das seit 1924 mit einer Gedenktafel versehene Haus ehemals Prager Straße 12 am östlichen Neißeufer. Bürgerrecht, Schuhbank, Wohnhaus und Einrichtung kosteten etwa 600 Görlitzer Mark, die abzuzahlen waren. Das setzt Geschäftstüchtigkeit und mittleren Wohlstand voraus. Diese Summe entsprach etwa dem Kaufwert des elterlichen Gutes mit ca. 30 Hektar Land.

1600 Jacob Böhme berichtet 12 Jahre später von seinem ersten Erkenntnisprozeß.

1600, 29. Januar: Taufe des ältesten Sohnes Jacob, Eintrag im Taufregister der Hauptpfarrkirche St. Peter und Paul in Görlitz.

1602, 8. Januar: Taufe des zweiten Sohnes Michael. (Ebenda)

1603, 11. September: Taufe des dritten Sohnes Tobias. (Ebenda)

1604, 24. Juli: Jacob Böhme wird denunziert und vor den Rat zitiert, da er neben dem Eigenbedarf für andere Schuhmacher Leder gegerbt und damit die Gerber geschädigt hat.

Ratsprotokoll: „Jacob Böhme der Schuster wurde losgelassen mit dem Bedinge, daß er andern Meistern nicht gerben, auch derhalben über 14 Tage 6 Schillinge [72 Groschen] Strafe auflegen soll.“

1605, 19. November: Jacob Böhme nimmt einen Kredit von 36 Mark auf und setzt dafür seine Schuhbank zum Pfand ein.

1606 Der Oberpfarrer Martin Moller stirbt im Streit mit sechs theologischen Fakultäten, die ihn verdächtigen, ein geheimer Calvinist zu sein. Sein Nachfolger wird Gregor Richter.

1606, 29. April: Ratsprotokoll: „Jacob Kißling und Jacob Böhm sind mit Gefangnis bestraft worden, dieweil sie den Weißgerber Matz Röhricht vor einen Schelmen gescholten.“ Röhricht wird „unbilligen Kaufs halber“ mit eingesperrt.

1606, 2. Mai: Alle drei werden wieder in Freiheit gesetzt. Unklar bleibt, ob der Schuhmacher J. Böhme oder sein Namensvetter, ein Rotgerber aus der Hotherstraße, belangt wurde.

1607, 7. Februar: Böhmes Vater trifft nach dem Tode seiner Frau Ursula eine Erbschaftsregelung, da er eine zweite Ehe beabsichtigt.

1607, 26. April bis 1. Mai: Der berühmte Hofastronom Kaiser Rudolfs II., Johannes Kepler, weilt in Görlitz und besucht Bartholomäus Scultetus.

1608, Frühjahr: Die Söhne Jacob und Michael erscheinen unter den Teilnehmern des Gregorius-Schulfestes.

1608, 21. Juni: Jacob Böhme erhält den mütterlichen Erbteil ausgezahlt. Er verkauft am 26. Juli sein Haus, bleibt aber als Mieter darin wohnen.

1609 Sohn Tobias besucht bis 1613 die als Bürgerschule eingerichteten vier unteren Klassen des Görlitzer Gymnasiums. Er zählt zu denen, deren Eltern als vermögend gelten.

1610 Jacob Böhme übernimmt die Vormundschaft für seine ledige Schwägerin Rosine Kuntschmann.

1610, 22. Juni: Jacob Böhme kauft für 375 Görlitzer Mark das mit zwei Häusern bebaute Grundstück des Valentin Lange am Ostende der Neißebrücke „zwischen den Toren hinter der Hospitalschmiede“ und zahlt für beide Gebäude Geschoß und Herdsteuer halbjährlich mit 27 Groschen und 6 Pfennigen.

1611 Jacob Böhme veräußert das kleinere der beiden Häuser und zahlt fortan nur noch 15 Groschen, 2 Pfennige Steuer.

1610, 4. September: Eintragung des jüngsten Sohnes Elias im Taufregister der Kirche St. Peter und Paul.

1610, 13. November: Erneute Aufnahme eines Kredits von 50 Görlitzer Mark auf ein Jahr mit Verpfändung seines Hauses.

1612, 27. Januar bis 3. Juni: Jacob Böhme verfaßt als Frucht zwölfjährigen Nachdenkens und des Studiums „viel hoher Meister Schriften“ über Naturwissenschaften, Astronomie und Philosophie seine Erstschrift „Die Morgenröte im Aufgang“, später lateinisch „Aurora“ genannt. Dieses universelle Werk enthält bereits alle wesentlichen Gesichtspunkte seiner späteren Schriften, bleibt aber unvollendet. Davon fertigt Karl Ender von Sercha eine Kopie, die Vorlage für die weitere Verbreitung dieses Werkes durch Abschriften wird.

1612, 12. März: Jacob Böhme verkauft seine Schuhbank und meldet damit sein Marktgeschäft ab, vermutlich um sich dem Handel und seinem schriftstellerischen Schaffen zu widmen.

1612 Böhme beteiligt sich mit seinem Zunftgenossen Hans Bürger an einem Kauf von 332 Rindshäuten in Löweberg, die am 19. Mai auf Klage der Gerber den Schuhmachern abgesprochen, aber auf deren Gegenklage am 25. August diesen wieder zurückgegeben werden. Jacob Böhme ist mit fünf anderen Meistern, die je 40 „Leder“ erwerben, unter elf Käufern einer der Hauptgewinner.

1613, 26. Juli: Der Umlauf der Aurora-Kopien wird dem Görlitzer Stadtrat bekannt. Um Ärger mit dem orthodoxen Lutheraner Gregor Richter und der am Domkapitel Bautzen in katholischer Hand befindlichen geistlichen Administratur der Ober- und Niederlausitz – wie schon 1592 und 1602 – zu vermeiden, fordert der Bürgermeister Bartholomäus Scultetus Böhme zum Verhör auf das Rathaus, setzt ihn eine Weile unter Arrest, bis die Originalhandschrift konfisziert ist und entläßt ihn mit der Vermahnung, künftig „von solchen Sachen abzustehen“.

1613, 28. Juli: Gregor Richter, der streng lutherische Oberpfarrer, hält es für seine Pflicht, die Gemeinde von St. Peter und Paul in der Sonntagspredigt vor falschen Propheten zu warnen.

1613, 30. Juli: Gregor Richter verwahrt sich gegen das milde Urteil des Bürgermeisters. Er fordert Jacob Böhme vor das Ministerium, die Versammlung der Görlitzer Geistlichen, und vernimmt ihn auf sein Glaubensbekenntnis, das ohne Tadel ausfällt, erteilt ihm aber Schriftverbot in allen Sachen, die nur die Kirche angehen.

1613 Da der Lederhandel zunftgebunden zwischen Gerbern und Schuhmachern strittig bleibt, verlegt sich Jacob Böhme auf ländliche Gewerbe, zu denen ihm vermutlich Karl Ender von Sercha und andere Gutsherren aus dem Landadel die Wege bahnten, da der Adel eigene ländliche Märkte gegründet hatte. Böhme und seine Frau nutzen die Engpässe im Görlitzer Textilgewerbe, indem sie sich entgegen dem 1606 vom Görlitzer Rat erlassenen Verbot am Schwarzhandel mit Garnen beteiligen, die auf dem Lande im bäuerlichen Nebenerwerb versponnen und preisgünstig an Görlitzer Leinwandweber verhökert werden.

1616, 8. Oktober: Ratsprotokoll: Katharina Böhme wird mit 17 anderen Görlitzer Bürgerfrauen wegen Schwarzhandel mit Garn vorgeladen, geht aber wegen Geringfügigkeit des Vergehens straffrei davon. Doch scheint der Rat gegen ihren Ehemann ermittelt zu haben.

1616, 22. Oktober: Ratsprotokoll: Jacob Böhme wird wegen unerlaubtem Garnhandel mit 10 Talern Strafe belegt. Wie er sich mit seiner Familie in den folgenden Jahren behilft, ist unbekannt. Später erfährt man aus seinen Briefen, daß er mit Handschuhen handelt, die er über weite Strecken transportieren muß, die ihn zu Fußreisen nach Schlesien und Böhmen veranlassen. Er lernt dabei zahlreiche Freunde kennen, die sich obrigkeitlich verhängten Religionszwängen entzogen und ab 1618 seine Briefpartner werden.

1618 Ausbruch des 30jährigen Krieges. Die Wege über das Gebirge nach Böhmen werden gefährlich. Wie Böhme am 18. Januar an Balthasar Walther schreibt, ist er damals vor Kriegsausbruch „mit vielen weltlichen Geschäften beladen“. Im gleichen Jahr stirbt sein Vater.

1619 Kaiser Matthias stirbt. Gemäß dem Willen der protestantischen Stände Böhmens wird der böhmische Königsthron dem calvinistischen Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz eingeräumt. Jacob Böhme hat sich einer Delegation des Oberlausitzer Adels angeschlossen und ist in Prag Zeuge des Einzugs Friedrichs von der Pfalz als König von Böhmen.

1619, 20. Dezember: Alle Widerstrebenden, auch der Landvogt Carl Hanibal von Dohna und der Dechant des Bautzener Domstifts, Lutherische wie Katholiken, werden gezwungen, Friedrich von der Pfalz als König von Böhmen die Treue zu schwören.

1620, 8. November: Die Schlacht am Weißen Berge zwingt Friedrich von der Pfalz, der kaiserlichen Gewalt Ferdinands II. zu weichen und seine Truppen nach Schlesien zurückzuziehen. Der Kaiser gewinnt den Kurfürsten von Sachsen, Johann Georg I., auf seine Seite, in der Oberlausitz und in Schlesien den Calvinismus, d.h. die militärische Gewalt Friedrichs von der Pfalz, auszurotten.

1620, September: Kurfürst Johann Georg fällt in die sich wehrende Oberlausitz ein, erobert Bautzen und läßt die Stadt niederbrennen. Dieser Schlag genügt, um die Ober- und Niederlausitz der kursächsischen protestantischen Gewalt zu unterwerfen und militärisch besetzt zu halten. Schlesien wird von Sachsen nicht angegriffen. Die Erlebnisse und Ereignisse von 1618/19 sind für Jacob Böhme Anlaß, das Schreibverbot Gregor Richters für ungültig zu erachten. Er beruft sich auf sein ihm von Gott verliehenes Talent und das „Dräuen“ seiner adligen Gönner, in deren Händen sein weiteres Schicksal liegt. Böhmes Biographie wird ab 1618 durch seine „Theosophischen Sendbriefe“ deutlich, weitgehend auch durch die dichte Folge seiner Schriften.

1619, Anfang Januar bis Mitte Oktober: „Beschreibung der drei Prinzipien göttlichen Wesens“.

1619, zweite Jahreshälfte bis

1620, wahrscheinlich Abschluß im Frühjahr: „Vom dreifachen Leben des Menschen“.

1620, 8. Mai vollendet: „Vom irdischen und himmlischen Mysterium“ und etwa Mai: „Eine kurze Erklärung von sechs mystischen Punkten“.

1620, Frühjahr bis 3. August: „Vierzig Fragen von der Seele“ – späterer Anhang „Das umgewandte Auge“.

1620, Ende Mai bis Herbst: „Von der Menschwerdung Jesu Christi“, eine Abhandlung in drei Teilen:

„Wie das ewige Wort sei Mensch geworden“

„Wie wir müssen in Christi Leiden, Sterben und Tod eingehen“ und

„Der Baum des christlichen Glaubens“.

1620, 14. August bis 18. November: „Unterricht von den letzten Zeiten“, zwei Teile. (8. und 11. Sendbrief an Paul Kaym)

1620, 9. September bis 18. Oktober: Böhme „durch böse Soldaten“ schwer erkrankt.

1620, ab Jahresende bis

1621, 7. Mai: „Erste Schutzschrift gegen Balthasar Tilke“.

1621, März: Trostschrift „Von vier Complexionen“.

1621, 18. April beendet: „Bedenken über Esaias Stiefels Büchlein“.

1621, 3. Juli beendet: „Zweite Schutzschrift gegen Balthasar Tilke“.

1621, in der zweiten Jahreshälfte begonnen und

1622, 7. Februar beendet: „De Signatura Rerum. – Von der Geburt und Bezeichnung aller Wesen“.

1622, 26. April beendet: „Apologia, betreffend die Vollkommenheit des Menschen. Vom Irrtum der Sekten Esaias Stiefels und Ezechiel Meths“.

1622, 1. Juni beendet: „Von wahrer Buße“.

1622, 24. Juni beendet: „Von der neuen Wiedergeburt“.

1622, Juni bis Juli: „Von der wahren Gelassenheit“.

1622, wahrscheinlich im Sommer: „Vom übersinnlichen Leben“ – „Gespräch eines Meisters und Jüngers“, ein Lehrdialog.

1622, wahrscheinlich im September abgebrochen: „Von göttlicher Beschaulichkeit“.

1622, September begonnen bis

1623, 11. September abgeschlossen: „Mysterium Magnum. – Erklärung über das erste Buch Mosis“, ein Genesiskommentar.

1623, Anfang Januar bis 8. Februar: „Von der Gnadenwahl“.

1623, 9. Februar: „De Poenitentia. – Schlüssel zum Verständnis göttlicher Geheimnisse“.

1623, November bis Dezember: „Von Christi Testamenten“, erste Fassung mit den zwei kleinen Schriften:

„Von der Heiligen Taufe“ und

„Von dem heiligen Abendmahl“.

1623, 27. Dezember: „Tafel[n] der drei Prinzipien“, ältere Fassung.

1624 Januar: „Kurzer Extrakt der hochsinnlichen Betrachtung des Mysterii Magni“.

Jacob Böhme weilt auf Schloß Schweinhaus bei Johann Sigismund von Schweinichen (Herzogtum Liegnitz/Schlesien).

1624, zweite Hälfte Februar: „Tafel[n] der drei Prinzipien“, jüngere Fassung.

1624 Jacob Böhme kehrt nach Görlitz zurück und beendet am 25. Februar: „An eine hungrige und durstige Seele“ – „Gespräch einer erleuchtet und unerleuchteten Seele.“, ein Dialog.

1624 Zu Beginn des Jahres erscheinen in der Offizin von Johann Rambau in Görlitz die beiden Böhme-Schriften „Von wahrer Buße“ und „Von wahrer Gelassenheit“, worüber Jacob Böhme bereits am 27. Dezember 1623 im 49. Sendbrief unterrichtete: „...werden in etlichen Tagen von der Presse kommen“. Um den Widerspruch zu Böhmes Aussagen vor dem Görlitzer Rat zu vertuschen, haben die Herausgeber der Böhme-Werke seit 1682 diese Stelle aus dem 49. Sendbrief gestrichen, obgleich sie in den Druckvorlagen vorhanden ist. (Handschriften-Archiv UB Breslau) Erst in jüngster Zeit wurde diese Streichung als „Neufund“ im Briefeanhang eingemodelt. Der Druckauftrag kam von Hans Sigismund von Schweinichen, zu dem sich Jacob Böhme Januar/Februar 1624 geflüchtet hatte. Der Druck war vom Herzog von Liegnitz genehmigt worden, ohne den Druckort zu bestimmen. Religiöse Drucke unterliegen in Görlitz der Zensur Gregor Richters, der sich an seinen Amtsbruder Frisius in Liegnitz wendet und von diesem eine Beschwerdeschrift an den Görlitzer Magistrat erwirkt: „Ein Görlitzer vergiftet seine Gemeinde in Liegnitz“.

1624 Anfang März ist Jacob Böhme als Verfasser ermittelt, die Übertretung des Richterschen Schriftverbotes und der Ratsverwarnung erwiesen, so daß Richter zur Anklage beim Magistrat von Görlitz als Gerichtsherrn vorgeht. Zu berücksichtigen ist in dieser Verhandlung, daß Görlitz kursächsisch militärisch besetzt ist, der Kaiser als König von Böhmen aber immer noch oberster Gerichtsherr der Oberlausitz ist.

1624, 7. März: Gregor Richter verfaßt den ersten Teil seines „Judicium Gregorii Richteri“ lateinisch mit Drohung gegen die Stadt Görlitz: „Wehe dem Orte, wo solche Gotteslästerungen ungestraft ausgestreut werden.“

1624, 23. März: Ratsbeschluß „wegen vielfältig Klagen und der bösen ärgerlichen Lehr halber“ Jacob Böhme zu vernehmen und zum Verlassen der Stadt zu nötigen.

1624, 24. März: Gregor Richter greift in der Predigt Jacob Böhme persönlich als „Ketzer, Schwärmer und Halunken“ an.

1624, 25. März: Jacob Böhme berichtet an Karl Ender von Sercha (52. Sendbrief, 2) von seiner bevorstehenden Vernehmung.

1624, 26. März: Vernehmung Jacob Böhmes in der Ratssitzung. Um Gerichtsverhandlung und Skandal zu vermeiden, beschränkt sich das Verhör auf zwei Fragen: Bist du, Jacob Böhme, der Verfasser der beiden Druckschriften? Antwort: Ja. – Hast du, Jacob Böhme, den Druck veranlaßt? Antwort: Nein, einer vom schlesischen Adel (Hans Sigismund von Schweinichen) habe es getan. – Beschluß: Meldung an den Kurfürsten.

Am Rande der Verhandlung war Jacob Böhme von wohlmeinenden Ratsherren empfohlen worden, sich eine Zeitlang von Görlitz fernzuhalten, „damit sie nicht etwan Ärger mit mir hätten“. (53. Sendbrief, 5, 15) Die Ausweisung aus Görlitz wird zwar mit dem Protokollvermerk ausgesprochen, er möge „seinen Stab fürder setzen“, aber abgeschwächt durch Böhmes Hinweis, er habe Freunde, die ihn aufnehmen würden, womit die Zwangsausweisung unterbleibt.

1624, 27. März: Wütend über das milde Vorgehen des Magistrats und den straffreien Ausgang des Verhörs verfaßt Gregor Richter den zweiten und dritten Teil seines „Judiciums“ gegen Jacob Böhme persönlich in Form einer Verspottung und Beschimpfung. Das „Judicium Gregorii Richteri“ geht bei Rambau in Druck und ist in lateinischer Sprache als humanistisches Pasquill (Schmähschrift) zum Gelächter des Gebildeten angelegt. Nach Bekanntwerden des Richterschen Pasquills beschließt der Magistrat, den Beschluß vom 26. März (Meldung des Vorgangs an den sächsischen Kurfürsten) zurückzunehmen. Ein religionspolitischer Skandal war zu vermeiden!

1624, 3. April: Jacob Böhme beendet seine „Verantwortung an den Rat zu Görlitz“. Der Rat weist sie zurück, wie auch Richters „Judicium“ von ihm unbeachtet bleibt.

1624, 10. April vollendet: „Schutzrede gegen Gregor Richter“ mit Hilfe von gebildeten Freunden, bereits im 53. Sendbrief vom 3. April und im 54. Sendbrief vom 6. April genannt, in Wahrheit eine Schutzschrift (voller Titel: „Schutzrede zur gebührlichen Ablohnung des schrecklichen Pasquills und Schmähkarten wider das Büchlein 1. von wahrer Buße, 2. von wahrer Gelassenheit, welchen Pasquill der Herr Gregorius Richter, Oberster Pfarrer zu Görlitz, darwider angestrenget hat“).

1624, März bis April: „Schlüssel der vornehmsten Punkte – Clavis“ [Schlüssel].

1624, Mitte Mai bis Mitte Juni: „Gebetbüchlein auf alle Tage in der Wochen“ – „Vom heiligen Gebet“. Unvollendet, in Dresden verfaßt beim Leibarzt und Hofalchemisten Benedikt Hinkelmann. Bereits vor dem Verhör am 26. März wußte Böhme, daß ihm der niederschlesische Adel durch eine geheime Gesandtschaft Zuflucht beim sächsischen Hof in Dresden verschaffen wird. Oberlausitzer Freunde unterstützen dieses Vorhaben, und der Görlitzer Magistrat ist froh, daß er eine Zeitlang mit Böhme keinen Ärger haben würde. Jacob Böhme faßt die ihm angetanen Schmähungen als seine Passion auf und verharrt geduldig in Görlitz, während er „ganz mit pharisäischen Kletten beworfen“ sei, „... also sehr ist der Satan über mich und mein gedrucktes Büchlein erzürnet und wütet in dem obersten Pharisäer also sehr ... Aber meine Seele ist darin nicht traurig, sondern achtet ... dieses alles für Siegeszeichen Christi ... Ihr werdet noch wunderliche Dinge hören, denn die Zeit ist geboren, davon mir vor drei Jahren gesagt ward durch ein Gesichte, als nämlicht der Reformation.“

(„Generalreformation der ganzen Welt“ war 1614 der Titel einer der Hauptschriften der „Rosenkreuzer“, die sich auf Alchemie, Astrologie und Naturphilosophie beriefen und in Humanistenkreisen von Görlitz – u.a. bei Caspar Dornau, 1608-1615 Gymnasialrektor – Anhänger fanden.)

1624, 9. Mai: Jacob Böhme tritt mit Oberlausitzer Begleitern über Zittau, wo der Stadtarzt Melchior Bernt zusteigt, seine Reise nach Dresden an, wo er im Schloß beim Hofalchemisten und kurfürstlichen Leibarzt Benedikt Hinkelmann einquartiert ist. Er fühlt sich geehrt und seinem Ziel nahe, ein besseres Christentum durchsetzen zu können (Reformation der Reformation). Der kurfürstliche und kaiserliche Rat Joachim von Loß empfängt ihn auf Schloß Pillnitz. Der Hausmarschall und der Hofprediger machen ihm Höflichkeitsbesuche. In Dresdner Buchhandlungen findet er Schriften, die ihn in seiner Reformationsabsicht bestärken. Er schildert seine Eindrücke in mehreren Briefen an Tobias Kober. Die umstrittenen Görlitzer Drucke werden am Hof gelesen, wahrscheinlich auch eine Kopie der „Aurora“, die Jacob Böhme von seiner Frau aus einer Entleihung abfordert. Eine Disputation Jacob Böhmes mit dem Dresdner Oberkonsistorium hat es nicht gegeben, ebensowenig ein Gespräch mit dem Kurfürsten, auf das Böhme dringend gehofft hatte. Nach Erkenntnis, daß Jacob Böhme den Religions- und Landfrieden nicht gefährdet und weder Alchemist noch Goldmacher, auch nicht Ketzer oder Verkünder einer neuen Religion ist, schickt man ihn nach Görlitz zurück, etwa Mitte Juli.

1624, 13. August: Gregor Richter stirbt.

1624 Jacob Böhme und seine Frau sind genötigt, erneut beschwerliche Handelsreisen als Hausierer zu unternehmen.

1624, Oktober: Jacob Böhme beginnt seine letzte, unvollendet gebliebene Schrift „Betrachtungen göttlicher Offenbarung – 177 theosophische Fragen“.

Während seine Frau auf einer Handelsreise in Dresden weilt, kehrt Jacob Böhme am 7. November krank von einer solchen aus Schlesien zurück.

1624 In der Nacht vom 16. zum 17. November stirbt Jacob Böhme.

Sein Freund und Arzt Tobias Kober berichtet darüber dem Hans Sigismund von Schweinichen. Kober hat sich während Böhmes Erkrankung mit seinem Zittauer Amtskollegen Melchior Bernt beraten, den Juristen und Verfasser der Reinschriften von Böhmes Originalen Johannes Rothe zur Krankenpflege bestellt und den Prediger Elias Dietrich zur Abnahme der Beichte des Todkranken und dessen Absolution gerufen. Dennoch entsteht kein Friede mit der Amtskirche, denn Richters Nachfolger Nikolaus Thomas lehnt die Leichenpredigt ab und überträgt sie dem Elias Dietrich. Kober veranlaßt den Görlitzer Arzt Michael Kurz (Curtius) im Auftrag der Witwe, den Rat um Entscheidung wegen des Begräbnisses zu ersuchen. Der zufällig in Görlitz weilende Landvogt gibt den Ausschlag für die Entscheidung, daß auch ein Häretiker ein christliches Begräbnis haben muß. Darauf läßt sich Elias Dietrich für die Leichenpredigt erst einen schriftlichen Auftrag vom Magistrat geben, damit er sich als Geistlicher keinen Vorwurf zu machen habe, ändert aber auch das von Kober angegebene Thema der Predigt eigenwillig.

1624, 18. November: Bestattung Jacob Böhmes mit voller Beteiligung der Schuhmacher- und Gerberzunft, Totengeläut und „mit großem Aufsehen der Leute“ (Kober). Das von seinen adligen Freunden gestiftete, mit reichem symbolischem Schmuck ausgestattete Grabkreuz wird Böhme verwehrt und nach wenigen Tagen entfernt. Bildliche Darstellungen des Grabkreuzes erscheinen erst in der Werkausgabe J.G. Gichtels 1682 im zeitgenössischen Stil, also wohl als phantastische Rekonstruktion.

Der einzige zu Jacob Böhmes Lebzeiten erschienene Druck von zwei seiner kleinen Schriften ist erst im Jahr 2000 wieder in zwei Exemplaren nachgewiesen worden. Er wird mit weiteren Schriften Böhmes als „Der Weg zu Christo“ vereint, dem meistgelesenen Böhme-Text.

Erst der Stifter der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften Karl Gottlob von Anton veranlaßt 1814 die Aufstellung einer Grabsäule, deren Reste noch hinter dem großen Findling liegen, der 1869 als monolithisches Denkmal von dieser Gesellschaft auf Böhmes Grabstätte aufgerichtet wurde.

 

(Qu.: E. - H.- Lemper: Jacob Böhme. Lebenswege. Görlitz 2000)


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