posthumes Böhme-Portrait um 1730

Nachrichten vom Jacob Böhme Bund Görlitz 1921 unter

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Der Jacob-Böhme-Bund Görlitz 1921

Erklärung zu den Titelkupfern auf dieser Homepage

 

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Organisation zur Umwandlung des Kinos:

Der Jakob-Böhme-Bund

„Jakob-Böhme-Bund? Ein theosophischer Cercle? Eine Vereinigung, Gedanken dieses großen Mystikers pflegend und verbreitend? Eine Erneuerung der inneren Lebensziele Endzweck, Befruchtung empfangsbereiter Seelen Programm? Vorträge, Vorlesungen, Debatten, Flugschriften?“

(H.R. Zimmermann in Die Säule,1921)

Heute findet sich in der Chronik des Kunstvereins noch als kurze, geschichtliche Zäsur: “1920-1924 Jakob-Böhme-Bund im Kunstverein“. In dieser Zeit bildete der Jakob-Böhme-Bund eine eigene Sektion innerhalb des Lausitzischen Kunstvereins.

Die Spurensuche beginnt im Kaisertrutz auf der 3. Etage in der dortigen Gemäldeausstellung. Es steht dort auf einer Tafel geschrieben:

"Joseph Anton Schneiderfranken kam als Übersetzer für griechische Kriegsgefangene während des Ersten Weltkrieges nach Görlitz. Durch seine Gemälde und philosophischen Schriften wurde er hier als Ideengeber des Expressionismus wichtig. Sein unter anderem von Jacob Böhme beeinflusstes schriftstellerisches Werk veröffentlichte er unter dem Pseudonym Bô Yin Râ."

Grab von Jacob Böhme in Görlitz

 

Auf einer weiteren Tafel ist zu lesen:

„Der Kunstverein für die Lausitz und der 1920 gegründete Jacob-Böhme-Bund veranstalteten in Görlitz regelmäßig Ausstellungen expressionistischer Maler. Joseph Anton Schneiderfranken war als charismatischer Maler und Schriftsteller unter dem Pseudonym Bô Yin Râ ein wichtiger Ideengeber.“


(Abb.1: Das Grab Jacob Böhmes auf dem Nicolaifriedhof in Görlitz)


Man könnte das für den Anfang eines mehr und mehr in Vergessenheit geratenen und verblassenden Märchens halten, in dem sich Wahrheit und Legende mischen, wenn der Besuch der dortigen Gemäldeausstellung nicht so deutlich zum Ausdruck bringen würde, welche Vitalität damals von dem Jakob-Böhme Bund ausgegangen sein muss, auch wenn das Museum nur einen kleinen Bruchteil der damals geschaffenen Werke auszustellen vermag.

Man muss sich vorstellen, dass es in den 20er Jahren wegen der Strahlkraft des Bundes zu einem verstärkten Zuzug von Künstlern in die Lausitz kam, was zu einer Verschiebung des Schwerpunktes der Arbeit des Kunstvereins von der Präsentation allgemeiner deutscher Kunst hin zur Förderung des Lausitzer Kunstschaffens führte. Görlitz wurde in dieser Zeit zu Recht in einem Atemzug mit den großen Kunstmetropolen Deutschlands genannt. Der Jakob-Böhme-Bund war die erste Künstlerkooperation, die bewusst mystischem Erleben Ausdruck verleihen wollte oder wie es 1921 in der Zeitschrift „Der Arafat“[2] formuliert wird: "Wesen des Bundes ist, die Beziehungen zwischen Kunst und Mystik zu finden und den Geist des Metaphysikers Jakob Böhme in die heutige Zeit zu projizieren." Im gleichen Artikel wird weiter ausgeführt: “Der Bund macht es sich zur Aufgabe, für wesentliche neue Kunst zu kämpfen. Seine erste Tat war eine Ausstellung mit radikalen Werken, unter denen die von Josef Schneiderfranken und Fritz Neumann-Hegenberg (den Vorsitzenden des Vereins) besonders hervorragten. Im Rahmen der Ausstellung fanden zwei Vorträge statt: einer von Neumann-Hegenberg über Neue Malerei  und einer von H.H. Stuckenschmidt über Das Problem der neuen Musik. Geplant sind ferner literarische Vorlesungen und Konzerte.“ 

Joseph-Anton Schneiderfranken

Versuchen wir, uns an die Anfänge zu begeben. Die Görlitzer Zeit von Joseph Anton Schneiderfranken, dem damaligen Vorsitzenden des Kunstvereines, der übrigens selbst nicht, wie es oft heißt, unter dem Pseudonym Bô Yin Râ schrieb, sondern mit diesen drei Silben seinen geistigen Namen zum Ausdruck brachte, wird von seinem Biographen Rudolf Schott in “B.Y.R. - Leben und Werk“[3] wie folgt beschrieben:

"In der zweiten Hälfte des ersten Weltkrieges verschlug ihn ein Befehl der Militärbehörden erst kurz nach Königsberg und von dort nach der Stadt Görlitz in der Oberlausitz, wo griechische Truppen interniert lagen. Ihm war die Aufgabe übertragen worden, als Dolmetscher zu dienen, da er von seinem griechischen Aufenthalt her die neugriechische Sprache verstehen und sprechen konnte. Abgesehen von dieser Funktion, die ihm Freude bereitete, da er den Griechen sehr zugetan war, eröffnete sich ihm gerade in diesem  Weltwinkel ein reiches Arbeitsfeld. 

(Abb.2: Joseph Anton Schneiderfranken) 

Er griff wirkend und leitend in die Kunstfragen jener Provinz ein und gab einer von ihm 1920 ins Leben gerufenen Vereinigung junger Künstler den Namen des großen Jakob Böhme, der ja im Jahr 1575 zu Alt-Seidenberg, einem Flecken in der Nähe von Görlitz, geboren wurde. B.Y.R. hat in seinem Aufsatz über Böhme, der in das Buch "Wegweiser" aufgenommen worden ist, sehr wichtige und wesentliche Dinge über den Philosophus Teutonicus gesagt, die erst begreiflich machen, wie Böhme zu seinen Erkenntnissen der Geisteswelt gekommen ist."

 

Der Jakob-Böhme-Bund war keine expressionistische oder sonstige zeitgenössische Kunstbewegung, sondern wollte dem geistig Wertvollen in allen denkbaren Kunstrichtungen Ausdruck verleihen, eine Kunst, die Schneiderfranken übergreifend als Sakralkunst bezeichnet. Es folgt ein Zitat aus dem Text „Der Jakob-Böhme-Bund“ von Joseph Anton Schneiderfranken selbst, der in der Zeitschrift “Kunst – Wissen – Leben“[4] im Jahr 1921 erschien:

„Der Jakob-Böhme-Bund wurde im Juni vorigen Jahres gegründet, von einigen hier wirkenden Künstlern, denen es eine würdige Aufgabe zu sein schien, aus den oft fragwürdigen Versuchen modernster Kunstübung herauszugelangen, die sich alle gemeinsam vor die Erkenntnis gestellt sahen, daß das Gute der neueren Kunstbestrebungen nur dann zur allmähligen Auswirkung gelangen könne, wenn sich die derart strebenden Künstler bewußt Bild aus dem Zyklus in den Dienst der Seele stellen würden, wenn sie bewußt einer Art Sakralkunst zustreben wollten.

Man war sich von vornherein darüber klar, daß man wohl ein solch hohes Ziel brauche, daß es aber der hingebendsten Arbeit mancher Jahre erst vorbehalten sein könne, dieses Ziel auch zu erreichen! –

 

(Abb. 3: Bild aus dem Zyklus "Welten" von B.Y.R.)


Da die Arbeit dieser kommenden Jahre aber fruchtlos werden müßte, geschähe sie sozusagen „hinter dem Rücken des Publikums“: so ergab es sich von selbst, daß jährliche Ausstellungen in Görlitz und in den wichtigeren deutschen Kunstzentren beschlossen wurden, auch um zu zeigen, daß Görlitz in der Reihe der deutschen Städte, in denen neuere künstlerische Bestrebungen am Werke sind, durchaus nicht die letzte Stelle einzunehmen gesonnen sei. –              


Da jegliche Kunstübung ihren tiefsten, tragenden Grund in einer Lebensauffassung, einer Weltanschauung findet, und da die hier vereinigten Künstler, ihrer Mehrzahl nach einer Naturmystik nahestanden, die in Jakob Böhme ihren hohen klassischen Vertreter hat, da überdies Görlitz die Stätte des Lebens und Wirkens dieses erst neuerdings wieder in seiner tiefen Bedeutung erkannten Seelenkünders war, so wählte man den Namen dieses großen Görlitzers als Symbol für das hier vorliegende künstlerische Streben.

Kein Geringerer als Hans Thoma bezeugte diesem Streben regste Sympathie. – Er schreibt: „Wenn ich in Görlitz wohnte, so würde ich gewiß dem Bunde als Mitglied beitreten.“ und zeigt tiefstes Verstehen für seine Ziele. –
Würde Max Klinger heute noch leben, so wäre er der erste, der sich für das hohe Ziel des Görlitzer Jakob-Böhme-Bundes eingesetzt hätte, denn er sah eine neue Sakralkunst herauskommen aus allem Chaos moderner Bestrebungen und wußte auch gar wohl, daß die Wegstationen zu solcher Kunst noch nicht gleich auf der Höhe des Zieles angelangt sein können. –

Es fehlt überdies dem Bunde auch nicht an Sympathiebezeigungen aus anderen künstlerischen Kreisen, und nicht nur aus Kreisen der bildenden Kunst, ja es hat den Anschein, als wolle der Jakob-Böhme-Bund in Görlitz mit der Zeit zu einer Sammelstätte werden für künstlerisch produktive Menschen aus allen Teilen Deutschlands, ...“

Joseph-Anton Schneiderfranken Wohnung Goethestr. 55

In dem Band "Nachlese 2"[5] finden wir seine erste Eröffnungsrede als Vorsitzender  des Kunstvereines zu einer Einzelausstellung. In dieser Rede ist der Ansatz des Jakob-Böhme-Bundes als zeitlos und weiterhin hochaktuell zu verstehen. Die Gleichzeitigkeit verschiedener Ausdrucksformen ist ein wesentlicher Aspekt für die Vielfalt der Görlitzer Kunstszene zu dieser Zeit.

 

 

 

(Abb. 4: Joseph-Anton Schneiderfranken

bewohnte den 1. Stock in der Goethestraße 55)

Eröffnung Kunstausstellung

         (Abb. 5: Ausschnitt Ausstellungseröffnung Merseburg)

"Der Kunstverein hat sich unter meiner Leitung die Aufgabe gestellt, an möglichst markanten Beispielen zu zeigen, wie das wirklich Wertvolle in der Kunst ganz unabhängig ist von der jeweiligen Richtung, zu der man den oder jenen Künstler zählen mag. Es ist nicht gerade überflüssig, dies immer wieder zu betonen, denn in manchen Kreisen herrscht immer noch die Auffassung, eine Ausstellungsleitung müsse sich zu dieser oder jener ‹Richtung› bekennen und könne darum den anderen Richtungen ‹nicht gerecht› werden.

Wir sind weit von dieser Auffassung entfernt!

Wir wollen allein der Kunst eine Gasse bereiten, wo wir sie auch finden, und wir finden in jeder Richtung echte und wahrhafte Kunst, wie wir in jeder Richtung auch allerlei Scheinkunst abzulehnen haben.

Der Künstler, dem die heute zu eröffnende Ausstellung gilt, wird Ihnen in schönster Weise wieder zeigen was wir unter Kunst verstehen, und dass wir durchaus nicht nur etwa dem «Expressionismus» das Wort reden wollen, auch wenn wir in dieser Kunstrichtung besonders hohe und zukunftsreiche Werte im Entstehen sehen, Werte, die wir auf jede Weise ans Licht zu ziehen suchen.

Ich möchte hier nur noch sagen, dass ich den Wunsch hege, den Kunstverein in dieser Stadt zu einer Instanz zu machen, der das Laienpublikum bei seinen Ankäufen und Kunstbesichtigungen absolut vertrauen kann.

Man kann oder will es nicht begreifen, dass einer guten und ihres Urteils sicheren Ausstellungsleitung ganz und gar nichts daran liegt, aus welcher «Schule» die Künstler kommen, die sie werten soll, oder welcher «Richtung» sie vielleicht zugezählt werden könnten. –"

Im letzte Abschnitt aus der Zeitschrift “Kunst – Wissen – Leben“ geht er auf den Begriff der „Sakralkunst“ genauer ein:

„Diese kurzen Darlegungen sollen nicht beendet werden, ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß die Endziele des Jakob-Böhme-Bundes an sich recht wenig mit dem vielmißbrauchten Schlagwort: „Expressionismus“ zu tun haben. Kein intensiv Schaffender kann sich zwar auf die Dauer den geistigen Strömungen seiner Zeit gänzlich entziehen, und persönliche Neigung mag das noch besonders betonen, aber höchstes Ziel der Glieder dieses Bundes bleibt es allein, und wie schon mehrfach betont, daß eine hohe Sakralkunst erstehe aus all den fragmentarischen Kunstbestrebungen unserer Tage, eine wesentlich deutsche Kunst, die vielleicht in den Miniaturisten alter Bilderhandschriften ihre frühesten Ahnen hat, und die würdig ist der tiefen Innenschau, aus der einst der Görlitzer Seher Jakob Böhme seine inbrünstig frommen Gesichte schöpfte und zu Worte werden ließ.“

Und noch eine letzte Aussage von B.Y.R. in diesem Kontext aus dem Buch Nachlese  2:

"Was das Buch für das Denken bedeutet das ist der sichtbare Gegenstand, wenn er von Kunst, Geschmack und handwerklicher Tüchtigkeit zeugt, für das Gemüt. –

Aus dem Gefühl heraus aber muss die Kraft zur Wiederaufrichtung unsres Volkes kommen. Das Denken geht irre Wege, wenn es nicht durch das Gefühl in gesunde Bahnen geleitet wird. –

Was wir heute alle beklagen, ist nicht zum wenigsten die Frucht irregeleiteten Denkens, die Folge davon, dass man das Volk systematisch daran gewöhnte, zu glauben, alles Gute müsse sich erdenken lassen, dass man Kopfmenschen, Gehirnmenschen erzog, aber keine Menschen, die sehen können und durch Sehen zu lernen wissen. –"

Sein Biograph Rudolf Schott schrieb in “B.Y.R. - Leben und Werk“ (1954):

"Wenn BYR in seinem Buch über die Kunst schreiben konnte: "Seht, das ist die Welt, die unsere Besten ahnen!" (Das Reich der Kunst, Seite 20), so bezieht sich das zwar hautsächlich auf die alten Meister, aber doch auch ist es Ausspruch einer Hoffnung auf die kommende Kunst, da er eine Erneuerung des Angesichts der Erde in Aussicht stellt und die ersten Strahlungen des Geistes als Vorläufer solcher Erneuerung bereits allenthalben wahrnimmt.“

Mehr über den Geist der damaligen Bewegung, genauen und detaillierten Aufschluss von B.Y.R.`s Kunstauffassung, die Rückschlüsse auf die damalige Konzeption des Jakob-Böhme-Bundes unschwer erkennen lassen, sind u.a. in seinem Buch "Das Reich der Kunst"[6] und „Aus meiner Malerwerkstatt“[7] zu finden.

Der 1920 erschienene Essay “Der Mythos der Persönlichkeit“[8] des Berliners H.R. Zimmermann in der Zeitschrift „Die Säule“ zur ersten Gruppenausstellung des Jakob-Böhme-Bundes folgert:

„Da der Mythos der Persönlichkeit alles göttliche, das in uns ist, in sich begreift, da das innere Geschehen bei der Menschwerdung, von dem die Kunst Schatten ist, sich nach Gesetzen vollzieht, die ins Kosmische gewandt, die großen Mystiker zu finden, zu erforschen und zu lehren bestrebt waren, ist es nicht verfehlt, eine künstlerische Vereinigung nach einem dieser Mystiker, dem heimischen zudem, zu benennen, die nicht Marktware schaffen, die nur seelisches Wachstum aufzeigen will.“

In dem Text finden sich neben Schneiderfranken und Fritz-Neumann- Hegenberg u.a. Namen wie Walter Raues, W. Schmidt, Deckwarth, Lafeldt, Weikert und A. Haupt. Der Artikel endet:

„Persönlichkeit ist Fundament. Ohne sie schweift das Leben, Zufall und Schwäche preiszugeben, nutzlos über die Erde. Ohne sie beliebt Kunst nur das, wozu sie der Steuerfiskus stempeln möchte: Luxus. Die Kunst, die der Jakob- Böhme-Bund ausstellt, ist, mit wenigen Ausnahmen, Bedürfnis. Für alle die, die in der Persönlichkeit, der Kunst, Steige für unüberwindlich erscheinende Strecken ihres eigenen inneren Entwicklungsweges suchen. Ihrer sind noch wenige; die Not der Welt wird auch ihre Zahl erhöhen, wird neue Herzen in die reinen Sphären heben, aus denen allein uns Erlösung winkt.“

Die Jahre, die sich BYR zum Aufgehen einer ersten Blüte zu einer wahren Sakralkunst wünschte, sollte dem Jakob-Böhme-Bund leider nicht vergönnt sein. Aus politischen Gründen emigrierte Joseph Anton Schneiderfranken 1923 in die Schweiz und am 1. August 1924 verstarb Neumann-Hegenberg im Alter von 40 Jahren an Schwindsucht, so dass schon 1924 das einzigartige Projekt des Bundes als eigenständige Sektion im Kunstverein beendet wurde.

Auf unserem Gang durch die Gemäldeausstellung erreichen wir die Gegenwart und finden eine letzte Tafel:

"Heute hat Görlitz an der Kunst der Gegenwart eher einen rezipierenden als einen produzierenden Anteil. Nur wenige Künstler können dauerhaft in der Stadt arbeiten, da Galerien und ein lokales Sammlerpublikum weitgehend fehlen und der globale Kunstmarkt kleinere Städte kaum beachtet."

J.A. Schneiderfranken, Torbogen im Winter, 1918

 

Es gibt in Bezug auf Jakob Böhme glücklicherweise gegenwärtig einige geschichtlich und geisteswissenschaftlich rezipierende Initiativen in Görlitz. Als Philo-Theo-Soph bzw. Mystiker ist Böhme jedoch ein Inspirator für alle Wissenschaften und Künste. Es ist zu vermuten, dass Bô Yin Râ den Jakob- Böhme-Bund damals als wichtige und sinnvolle Erweiterung des Kunstvereins gesehen hat. Der Kunstverein verkörperte das Denken und der Jakob-Böhme-Bund das Gefühl ("Fehlt das Gefühl, ist das Denken fehlgeleitet..." bzw. sonst wird es unlebhaft.), und Schneiderfranken wollte in Görlitz eine künstlerische Brücke schaffen, sich der Quelle Böhmes auch von der Empfindungskraft her zu nähern und diesem schöpferischen Prozess Raum zu öffnen und Ausdruck zu verleihen.

(Abb. 6: "Torbogen im Winter" um 1918 von J.A. Schneiderfranken, ausgestellt in der Kaisertrutz, Görlitz)

Das Kulturleben ist ein wichtiger Faktor für die Gesellschaft. In seiner Zeitlosigkeit geht nach wie vor von der Idee des Jakob-Böhme-Bundes eine große Faszination aus. In Angesicht der Tatsache, dass sich das Jubiläum der Gründung des Bundes im Jahr 2020 zum hundertsten mal jährt, sollte man überlegen, die Idee des Bundes, zumindest für eine begrenzte Zeit, wieder aufzunehmen. Gerade im Kontext der nahenden Jakob-Böhme-Ausstellung, die im August dieses Jahres unter dem Titel „Alles in Allem“ in Dresden beginnt und dann durch verschiedene große Städte Europas reisen wird, ehe sie etwa im Jahr 2020 in der Dreifaltigkeitskirche in Görlitz als Dauerausstellung fest verankert sein wird. Eine potentielle Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes zeitgleich zu dieser Dauerausstellung könnte das Spektrum entscheidend erweitern und würde die Auseinandersetzung mit Jakob Böhme, auch aus touristischer Sicht, wesentlich bereichern, dem Zuschauer nahe bringen und fühlbar veranschaulichen. Denn die künstlerischen Ausdrucksformen der Bildenden Kunst wurden in der Zwischenzeit z.B. durch Film oder Performance erweitert, und es wäre sehr spannend, wie sich das Feld von Böhmes Mystik über die klassischen Disziplinen hinaus auch auf diese neuen künstlerischen Medien auswirken würde. Um sich Böhme annähern zu können, braucht es eine Kraft, die ihre Wurzeln im Fühlen und in der Empfindungskraft hat. Nur daraus kann sich eine lebendige Kultur und Kunst entwickeln. Der Jakob-Böhme-Bund würde zudem in Görlitz einen hervorragenden Rahmen bilden, in dem zeitgenössische Kunst aus Deutschland und Polen aufeinandertreffen und sich verbinden könnte, da Böhme in beiden Ländern, insbesondere bei deren Künstlern, seine Verehrer findet.


Die Organisation zur Umwandlung des Kinos bedankt sich für Recherche, Fotos und Gestaltung: Andreas Hase, Hauke Gerdes, Andreas Gauger, Hans Glossmann, Winfried Knappe, Heiko Krämer, Ronald Steckel und Klaus Weingarten.


Freigegeben durch die "Organisation zur Umwandlung des Kinos".

Anmerkungen:


[1] Der Mythos der Persönlichkeit - Zur Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes in Görlitz aus Die Säule, Zeitschrift für geistige Lebensgestaltung, Jahrgang 1921, Seite 180-184, Hummel Verlag, Leipzig

[2] Der Arafat - Glossen, Skizzen und Notizen zur neuen Kunst Vol. 2 No. 6 Seite 199, Goltzverlag, München.

[3] Rudolf Schott: Bô Yin Râ: Leben und Werk, Seite 40, Kober`sche Verlagsbuchhandlung, Bern, 1954

[4] Der Jakob-Böhme-Bund von Joseph Schneiderfranken in Kunst  - Wissen - Leben, Jahrgang 1921, Beilage zur Rheinisch-Westfälischen Zeitung, Ausgabe und Seitenzahl nicht bekannt, Originaltext als Kopie vorliegend.

[5] Nachlese 2 - Gesammelte Texte aus Zeitungen von Bô Yin Râ, die in irgendeiner Form bereits einmal im Druck erschienen sind., Seite 37 f.: Eröffnungsansprache anläßlich der Kunstausstellung von Otto Wilhelm Merseburg, dort findet sich auch ein zweiter Text zur Thematik: Eröffnung der Kunstausstellung Neumann-Hegenberg, Kober`sche Verlagsbuchhandlung, Bern, 1990

[6] Bô Yin Râ Das Reich der Kunst - Ein Vademekum für Kunstfreunde und Bildende Künstler, Kober`sche Verlagsbuchhandlung, Basel, 1933

[7] Bô Yin Râ Aus meiner Malerwerkstatt, Kober`sche Verlagsbuchhandlung, Basel, 1932

[8] Der Mythos der Persönlichkeit - Zur Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes in Görlitz aus Die Säule, Zeitschrift für geistige Lebensgestaltung, Jahrgang 1921, Seite 180-184, Hummel Verlag, Leipzig

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Erklärung zu den Titelbildern (Kupferstichen) auf dieser Webseite

Zu Lebzeiten Böhmes gab es noch keine Titelkupfer zu seinen Werken, von denen fast alle posthum in Druck erschienen sind. Die hier verwendeten Titelkupfer stammen aus der Ausgabe der Werke Böhmes von 1682.

Die große, von Johann Wilhem Überfeld besorgte Ausgabe der Schriften Böhmes von 1730, die bis heute verwendet wird, enthielt zunächst keine Titelkupfer. Dies verwundert angesichts der für damalige Verhältnisse vorbildlichen Vollständigkeit einer Werkedition. Erst nachträglich bringen die Herausgeber 1731 ersatzweise eine…:

„Andeutung oder Erklärung der Titel-Figuren und Kupfer, welche des hocherleuchteten Jacob Böhmens Schriften holländischer Edition beygefügt sind, und nunmehro auch bey dieser gegenwärtigen neuen Auflage den Liebhabern derselben mitgetheilt werden.“ 

Über die uns seltsam anmutende Entscheidung, zwar die „Erklärung“ der Titelbilder zu edieren, nicht jedoch die bildlichen Figuren selbst, rechtfertigen sich in der Ausgabe von 1730 die Herausgeber darüber mit folgenden Worten:

„Nachdem diese verbesserte und vermehrte Edition (von 1730 – TI) aller Schriften des seligen Jacob Böhmens völlig ausgefertiget war  / bedauerten viele / daß die Kupfer, welche bey dem Amsterdamer Druck von Anno 1682 verschiedenen Tractaten vorangefüget worden / dißmal wegbleiben sollten, und meinten / daß der Vollständigkeit dieser neuen Auflage auf solche Weise etwas abginge. Ob nun gleich bereits in der Erinnerung / die gegenwärtiger Edition vorgesetzt (…), was es mit diesen Kupfern vor eine Bewandniß habe / und solches ein ieder, der diese Schriften lesen will / wohl erwegen mag; so hat doch endlich ein andrer Freund erachtet / es würde von denen / die wieder (= gegen – TI) diese Kupfer sind, nicht so arg gedeutet werden können / wenn man bey sothaner Warnung den Liebhabern / welche die fremden Kupfer dennoch darbey zu haben wünschten / zu Willen wäre. Wie nun selbige ihnen hiermit zugleich übergeben werden; als die zum wenigsten als eine Zierde dieser Schriften seyn können / ob sie schon nicht von des Autoris Geist herstammen sollten; so hat man diese Figuren nicht weniger auch mit den Erklärungen  / welche dort von den Erfindern über iedes Kupfer gemacht und gleich beygefüget worden / anbei noch versehen / iedoch aber alle lieber alhier zusammen drucken lassen wollen: und mögen diese Blätter nach Belieben entweder bald nach dem Haupt=Titel vorangesetzt / oder aber hinten an das dreyfache Register mit angebunden werden. Solchergestalt wird dann nunmehro niemand wegen der noch hinzugethanen schönen Kupfer=Stiche sagen können, daß gegenwärtige Edition dißfalls mangelhaft sey. Ich wünsche aber darbey auch herzlich / daß ieder einen rechten Gebrauch davon machen möge.“

Dieser Erklärung zufolge läge um 1730 nicht etwa ein finanzielles oder technisches Hindernis vor, diese hochartifiziellen und in ihrer Art wohl einmaligen Titelfiguren zu verwenden, sondern ein inhaltliches Bedenken: Ihre bildliche Aussage könnte den Worten Böhmes nicht entsprechen. Obwohl in der Geschichte der Buchillustrationen stets der Vorbehalt bekannt ist, dass Illustrationen und ihre textuelle Vorlage nie die gleichen Aussagen treffen, ist in diesem Fall offensichtlich die Reserve gegen die Titelfiguren erheblicher. Der Entscheidung, sie wegzulassen, könnten Debatten um die prinzipielle Abbildbarkeit von Böhmes Texten vorangegangen sein. Immerhin handelt es sich bei Böhmes Texten, so der zeitgenössische Titel der Werke, um „Alle Göttlichen Schriften“ des als „hocherleuchtet“ geltenden Jacob Böhme.

Ein anderer Grund hat mit inhaltlichen Überlegungen nichts zu tun. Zwischen Michael Andreae, dem mutmaßlichen Schöpfer der Kupferstiche, und Johann Georg Gichtel, einem der Herausgeber der Ausgabe von 1682, war es nach dieser Edition zum Bruch gekommen. Andreae wurde für ihn zur Unperson, die er auch für den mit Gichtel befreundeten Johann Wilhelm Überfeld, den Herausgeber der Ausgabe von 1730/31, zeitlebens blieb. Noch 10 Jahre nach dessen Tod im Jahr 1720 war Überfelds Aversion gegen Andreae „...so groß, daß dessen Illustrationen bei der Neuauflage von Böhmes gesammelten Werken unter dem Titel Theosophia revelata (1730) nur mit knapper Not beibehalten wurden. Die alten Platten, die zu Huygens' Zeit in einer Kiste unter den Auroren lagen, wurden schließlich doch nachgestochen und ein Jahr später (1731) erschienen die Stiche in einem Ergänzungsband unter dem Titel Andeutung oder Erklärung der Titul-Figuren [...]. Es ist jedoch nicht unmöglich, daß dies gegen den Willen Überfelds geschah, der am 19. Juli desselben Jahres starb." (Frank van Lamoen: „Der unbekannte Illustrator: Michael Andreae“. In: Theodor Harmsen (Hg.): Jacob Böhmes Weg in die Welt. Amsterdam: In de Pelikaan, 2007, S. 259. Dort finden sich zahlreiche Abbildungen zu Böhmes Werken).

Dieser Zusammenhang kann hier nur angedeutet werden. Der kunsthistorischen Forschung eröffnet sich hinsichtlich der Böhme-Illustrationen noch ein interessantes Feld.


Günther Bonheim / Thomas Isermann

Abbildungen der Titelfiguren zu Böhmes Werken auch in:

Jacob Böhme: Sämtliche Schriften. Faksimile-Neudruck der Ausgabe von 1730 in 11 Bänden. Begonnen von August Faust, neu herausgegeben von Will-Erich Peuckert. Stuttgart 1942 – 1961. In dieser Faksimile-Edition wurden die Titelfiguren von 1682 mit aufgenommen. Diese Ausgabe ist die nach wie vor immer noch maßgebliche Gesamtausgabe der Schriften Böhmes.
 
Zahlreiche Abbildungen, Bilder und Portraits hat uns für diese Homepage die Oberlausitzische Bibliothek Görlitz dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.

 

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