posthumes Böhme-Portrait um 1730

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Günther Bonheim:

...Blüten der Erkenntnis

oder

Einige hilfreiche Gründe, warum man es sich mit dem Lesen von Böhmes Schriften nicht so schwer machen sollte

„Christus hat den dürstigen wasser des lebens zu trincken gegeben / der schuster aber leuffet alle morgen zum Brantte wein oder wasser des todes.“ (Gregor Richter, 1624) (1)

„Diß ist einmal gewiß / daß die Böhmische Schrifften / so / wie sie jetzo / aus Holland / eine Zeit hero / wie die Kröten aus einem Morast / wieder hervor gekrochen / nicht anders / als ein Mißbrauch heiliger Schrifft / Ausleschung ihres wahren und heilsamen Verstandes / und rechtes Ertzgifft der Seelen seyn [...].“ (Erasmus Francisci, 1685).(2)

„Wer Gottes Geist nicht hat / der ist auß Babel / diesen Satz führet Böhm gar viel in seinen Schrifften: Böhm hat Gottes Geist nicht / derowegen ist Böhm auß Babel.“ (Johann Frik, 1697) (3)

„Jacob Böhme hat sich steif und fest eingebildet, daß er eine Stimme gehört, einen Engel gesehen und gesprochen, und ist doch ein Phantast gewesen […]. Ein Phantast ist ein Mensch, der im Wachen einige seiner Einbildungen für Empfindungen hält, dergleichen der vorhin angeführte Jacob Böhme gewesen.“ (Georg Friedrich Meier, 1747) (4)

„Wie manch brauchbare Schuhe hätte Jacob Böhme verfertigen und der Corrector seiner Schriften ausbessern können, unterdessen daß der eine, um die Welt zu erleuchten, einen Quartanten schrieb und der andere diesen Unsinn zum Drucke beförderte! Wie gut wäre es für sie und für alle diejenigen gewesen, die an solchen unverdaulichen Dingen Geschmack finden, wenn sie insgesamt des Lesens und Schreibens ganz unerfahren gewesen wären.“ (Sebastian Georg Friedrich Mund, 1780) (5)

Da die Bücher, die Böhme las, „insgesammt in einem dunkelen bildlichen Style geschrieben sind, so strengte er sich außerordentlich an, sie zu verstehen, und zerrüttete daher seinen ohnehin schwachen Kopf noch mehr, so wie das damit verbundene Sitzen die Hypochondrie vermehrte, und seine Gesundheit schwächte. Er besaß, wie alle Leute dieser Art, eine lebhafte Einbildungskraft, und diese nahm in dem Grade zu, in welchem sein Nerven=System geschwächt wurde. Die bildliche Schreibart der Bücher, welche er las, ohne die nöthigen Vorerkenntnisse zu haben, erhitzte und zerrüttete sie noch mehr; daher es ein halbes Wunder gewesen sein würde, wenn er nicht Erscheinungen hätte haben sollen.“ (Johann Christoph Adelung, 1786) (6)

„In den philosophischen Schulen sollte die Jugend richtig denken und urtheilen lernen; sie lernt fantasiren. Die Logik wird verschrien, und der gesunde Menschen=Verstand in die Küche relegiret. Schwärmen soll der Jüngling, um sich zu den Göttern aufzuschwingen, das absolute Thier (Gott) von Angesicht zu Angesicht anzuschauen. Jakob Böhme, St. Martin und andere Tollhänsler dieser Art werden als die Corryphäen transzendentaler Weisheit angepriesen, und die Jugend genarret, indem man sie beredet, sie würde, wenn sie in die Fußstapfen solcher Lehrer trete, einen sechsten Sinn erlangen, um das zu sehen, was nicht ist, und nicht seyn kann.“ (Franz von Spaun, 1819) (7)

„Völlige Steinwüste […] ist die Sprache der alchymistischen, astrologischen und physiologischen Ansichten, die in ihrer Specialisirung ein unerträgliches Kopfzerbrechen durch Unverdaulichkeit, spitzfindige und eingebildete Spaltung der Bilder, unlöslichen abgeschmackten Widerspruch, durch fortwährende verstandtödtende Verwechselung des Bildes und Gedankens, durch Ineinanderwerfen verschiedener, Auseinanderhalten identischer Begriffe einen blühenden Unsinn zur Welt bringen, ein Styl, der mit Geduld zu überwinden oder blätterweise zu überschlagen ist, wenn man nicht einem völligen Ekel an Böhme’s ganzer Theosophie Preis gegeben sein will.“ (Hermann Adolph Fechner, 1857) (8)

„Wahrhaftig, einzig Eckhart hätte verdient, der philosophus Teutonicus zu heißen, nicht der interessante Schuster und unerträgliche Schwätzer Jacob Böhme.“ (Fritz Mauthner, 1910/11) (9)

„Die Untersuchung des Boehmeschen Mystizismus gewährt dem Psychologen ein ähnliches Interesse zur Erleuchtung normaler religiöser Sublimationen, wie dem pathologischen Anatomen das Studium der karikaturenhaften Verzerrung kranker Organe die Struktur der normalen verdeutlichen hilft.“ (Arthur Kielholz, 1919) (10)

„Wer sich etwa mit Jakob Böhme […] befaßt, wird sich von vornherein darauf einzustellen haben, bei diesem Theosophen keine klaren Termini im Sinne wohldefinierter Begriffs- und Beziehungsbedeutungsträger anzutreffen, sondern an entscheidenden Stellen allerhand  vielbesagende Bilder von dunkler, gewalttätig tiefgreifender Uneigentlichkeit sowie Begriffskontaminationen von merkwürdigem Anspielungsgehalt […]. Daß Philosophen, denen es auf begriffliche Schärfe und Klarheit von vornherein nicht ankam, auf Schritt und Tritt der Täuschung durch sprachliche Bilder, durch das nicht durchschaute Schwanken zwischen eigentlicher und metaphorischer Bedeutung der Termini unterliegen, ist nicht verwunderlich.“ (Friedrich Kainz, 1972) (11)

„Dabei hatte er [Philipp von Zesen] sich jene unheilvolle Vorstellung der Späthumanisten angeeignet, wonach Bedeutung mit dem Klang verbunden sei: die sogenannte Natursprachenlehre, die Jakob Böhme mit seiner krausen Fantastik verbreitet hatte.“ (Karl-Heinz Göttert, 2010) (12)

zu Vergnügen und Erbauung zusammengetragen von

Günther Bonheim



(1) Zitiert nach Jacob Böhme: APOLOGIA. Oder Schutzrede zu gebürlicher ablehnung / des schrecklichen pasquilles […]. In: Jacob Böhme: Die Urschriften. Zweiter Band. Hg. von Werner Buddecke. Stuttgart-Bad Cannstatt: Friedrich Frommann, 1966, S. 273. Richters Text war aus dem Lateinischen übersetzt worden.

(2) Erasmus Francisci: Gegen=Stral der Morgenröte […]. Nürnberg: Wolfgang Moritz Endter, 1685, S. 759.

(3) Johann Frik: Gründliche Undersuchung Jacob Böhmens vornehmster Irrthümer […]. Ulm: Kraer, 1697, S. 191.

(4) Georg Friedrich Meier: Gedancken von Gespenstern. Halle: Hemmerde, 1747, S. 17.

(5) Sebastian Georg Friedrich Mund: Beweiß, daß es dem Volcke nützlich sei, betrogen zu werden, sowohl durch die Erhaltung der alten als durch die Beförderung neuer Irrthümer. In: Hans Adler (Hg.): Nützt es dem Volke, betrogen zu werden? Est-il utile au Peuple d’être trompé? Die Preisfrage der Preußischen Akademie für 1780. Teilband 2. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog, 2007, S. 819-865, hier: 841.

(6) Johann Christoph Adelung: Geschichte der menschlichen Narrheit […]. Zweyter Teil. Leipzig: Weygandsche Buchhandlung, 1786, S. 227f.)

(7) Franz von Spaun: Vom Wechsel und vom Wechselrechte. Eine Untersuchung der Frage: ob die Privilegien der Wechsel nothwendig und nützlich seyen. München, 1819, S. XXV.

(8) Hermann Adolph Fechner: Jakob Böhme. Sein Leben und seine Schriften, mit Benutzung handschriftlicher Quellen dargestellt. Görlitz: Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften, 1857, S. 157f.

(9) Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Zweiter Band. Kategorisch – Zweck. Zürich: Diogenes, 1980, S. 127.

(10) Arthur Kielholz: Jakob Boehme. Ein pathographischer Beitrag zur Psychologie der Mystik. Leipzig und Wien: Deuticke, 1919, S. 83.

(11) Friedrich Kainz: Über die Sprachverführung des Denkens. Berlin: Duncker & Humblot, 1972, S. 136f.)

(12) Karl-Heinz Göttert: Deutsch. Biografie einer Sprache. Berlin: Ullstein, 2010, S. 181.